Digitale Ethik im Fokus: EU-Förderung für Forschungsprojekt DIRECT

26.03.2025 Wie gehen wir verantwortungsvoll mit Digitalisierung um? Das Institut Digital Technology Management (IDTM) der BFH forscht gemeinsam mit europäischen Partnern an einem innovativen Ansatz zur Kompetenzentwicklung im Bereich Digital Responsibility. Im Interview erläutert Projektleiter Nikolaus Obwegeser das EU-Projekt DIRECT.

Herzlichen Glückwunsch zur gewonnenen Zusage für das europäische Forschungsprojekt DIRECT! Ihr werdet ab Mai für drei Jahre mit europäischen Partner-Universitäten zusammenarbeiten. Mit wem arbeitet das IDTM zusammen und wie kam es zu diesem Zusammenschluss? 

Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Forscher*innen aus Griechenland (Aristotle Universität Thessaloniki) und aus den Niederlanden (Universität Twente). Darüber hinaus gibt es ein breites Netz aus vielen verschiedenen Organisationen die mitarbeiten: Das ist zum Beispiel der Verband der Arbeitgeber im Handwerk und Kleinunternehmen Sloweniens (ZDOPS), oder auch Politeknika Txorierri, eine Ausbildungsorganisation aus dem Baskenland. Gerade bei einem so wichtigen Thema wie dem verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Technologien ist es spannend einen breiten, europäischen Zugang zu entwickeln, und alle Perspektiven aus unterschiedlichen Lebensrealitäten einfliessen zu lassen. Gleichzeitig hilft das Projekt uns am IDTM das erst vor kurzem entstandene Fachgebiet «Digital Responsibility» weiter auszubauen, wo Mila Jegerlehner, Marie Peskova, Reinhard Riedl und ich selbst zur Digital Responsibility forschen und lehren.  

Über das Projekt DIRECT

Das Forschungsprojekt «Digital Responsibility Education and Training» (DIRECT) zielt darauf ab, einen umfassenden Kompetenzrahmen für digitale Verantwortung zu entwickeln. Eine benutzerfreundliche Lernplattform soll den breiten Zugang zu diesen Kompetenzen sicherstellen. DIRECT will Wissen und Schulung fördern, um Designer*innen, Entwickler*innen und Privatpersonen für verantwortungsvollen Technologieeinsatz zu sensibilisieren.

In eurem Projekt entwickelt ihr einen wissenschaftlich fundierten und praxiserprobten Ansatz für die Kompetenzentwicklung im verantwortungsvollen Umgang mit Digitalisierung. Was sind ethische Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringen? 

Dafür gibt es mittlerweile sehr viele Beispiele aus dem Alltag – manche nehmen wir kaum mehr bewusst wahr. So ist es für die meisten von uns schon normal, dass wir auf Buchungswebseiten für Reisen und Hotels bedrängt werden, die Buchung abzuschliessen. Nachrichten wie «nur noch x Zimmer für diesen Preis verfügbar» nutzen psychologische Tricks wie FOMO (Fear of missing out) um uns zum Kauf zu bewegen. Ein anderes Beispiel ist die steigende Überwachung und Kontrolle unserer Bewegungsmuster durch mobile Endgeräte wie Smartphones, aber mittlerweile auch Uhren, Fitnesstracker, Ringe, Kleidung, etc. Diese Technologien ermöglichen es, Kundendaten zu sammeln, zu analysieren und für verschiedene Zwecke zu nutzen. Während uns die primären Zwecke bekannt sind, geht die Nutzung häufig über die ursprüngliche Absicht der Kunden hinaus. Es ist also nicht alles eindeutig schlecht oder gut was hier passiert, sondern es hängt stark von der Verwendung ab. Im Projekt möchten wir uns als ersten Schritt dieses Dilemma näher ansehen. Darauf aufbauend entwickeln wir dann einen Kompetenzrahmen, der den richtigen Umgang mit diesen Spannungsfeldern beschreibt. Denn vieles davon mag mit dem rechtlichen Rahmen in Einklang stehen, verstösst aber gegen die ethischen Normen und Kodizes unserer Gesellschaft. 

Unsere Lernplattform wird vollständig offen und frei verfügbar in verschiedenen Sprachen sein, so dass es keine Hürden für interessierte TeilnehmerInnen gibt.

  • Nikolaus Obwegeser Projektleiter

In eurem Proposal steht, dass ihr eine Lernplattform zur Entwicklung von DR-Kompetenzen entwickeln wollt. Diese richtet sich an Privatpersonen, aber auch an Entwickler*innen und Designer*innen. Wird es deiner Meinung nach ausreichen, für die ethischen Aspekte zu sensibilisieren? Oder braucht es parallel dazu auch mehr Reglementierung?  

Das ist eine berechtigte Frage. Es gibt viele Initiativen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man mit den ethischen Herausforderungen der Digitalisierung um gehen soll. Gerade durch die schnelle Verbreitung von Generativer KI ist das Thema absolut zentral. Jedoch wird sowohl in der Diskussion um Regulierung als auch bei technischen Zugängen (z.B. Privacy by Design) die Verantwortung einer bestimmten Gruppe übertragen, sei es der Gesetzgebung bzw. der Politik, oder eben den Entwicklern. Am IDTM sind wir überzeugt davon, dass jede Person für sich selbst die beste Entscheidung treffen können muss. Wir sehen deshalb die breitgefächerte Kompetenzentwicklung, wie im Projekt vorgesehen, als enorm wichtigen Hebel an, da hier alle Mitglieder der Gesellschaft befähigt werden.  

Wie könnte eine solche innovative Lernplattform für digitale Verantwortung  aussehen? 

Dazu gibt es ein paar gute Ideen in unserem Projektplan. Ultimativ wird die Plattform allerdings im Zusammenspiel mit den zukünftigen Nutzern im Co-Design entwickelt werden. Konzeptuell stellen wir «Dilemmas» aus echten Fallbeispielen in den Vordergrund, damit die Lernenden sich damit engagiert auseinandersetzen. Wir beabsichtigen auch individuelle Lernpfade zu ermöglichen, d.h. die Lernplattform wird je nach Erfahrung und Kenntnis der teilnehmenden Person andere Inhalte und Module vorschlagen. Damit tragen wir der Diversität der ethischen Fragestellungen in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft Sorge, und ermöglichen den bestmöglichen Lernerfolg. Unsere Lernplattform wird vollständig offen und frei verfügbar in verschiedenen Sprachen sein, so dass es keine Hürden für interessierte TeilnehmerInnen gibt.

Mehr erfahren