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Technologie fördert Mobilität und Sicherheit in der Langzeitpflege

21.03.2025 Mehr Bewegung stärkt das Wohlbefinden älterer Menschen, erhöht aber auch das Sturzrisiko. Eine neue 3D-Radartechnologie soll helfen, Stürze frühzeitig zu erkennen und die Prävention zu verbessern. Doch welchen Nutzen bringt sie tatsächlich?

Das Wichtigste in Kürze

  • 3D-Radartechnologie QUMEA erkennt Stürze in Echtzeit und das Pflegefachpersonal erhält sofortige Alarmmeldungen.

  • BFH begleitet die Implementierung des Systems im Haslibrunnen, einem Kompetenzzentrum für das Alter in Langenthal.

  • Für den Erfolg ist die Akzeptanz der Technologie entscheidend.

Stürze gehören zu den häufigsten und folgenreichsten Ereignissen in der Langzeitpflege. Alterszentren stehen vor dem Spannungsfeld, Sicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig die Bewegungsfreiheit zu fördern. Rund ein Viertel der über 65-Jährigen stürzt mindestens einmal pro Jahr, bei den über 80-Jährigen ist es sogar ein Drittel (1). Nach einem Sturz können die meisten Betroffenen nicht mehr selbständig aufstehen und sind auf Hilfe angewiesen. Besonders in Pflegeheimen kann dies gravierende Folgen haben: Verletzungen, längere Spitalaufenthalte, erhöhter Pflegebedarf und hohe Kosten. In der Schweiz belaufen sich die Gesundheitskosten durch Stürze älterer Menschen auf 1,8 Milliarden Franken pro Jahr (2). Doch oft ist nicht der Sturz selbst das Hauptproblem, sondern die Zeit, bis Hilfe eintrifft. Je schneller eine gestürzte Person gefunden wird, desto besser sind die Heilungschancen und desto geringer sind die Folgekosten. 

Qumea-Sensor
Neuere Technologien, insbesondere Radar- und Sensortechnologien, bieten das Potenzial, um Pflegende bei der Sturzerkennung und -prävention zu unterstützen. Bild: Qumea

Technologie als Lösung: QUMEA im Einsatz

Neuere Technologien, insbesondere Radar- und Sensortechnologien, bieten das Potenzial, um Pflegende bei der Sturzerkennung und -prävention zu unterstützen und gleichzeitig die Bewegungsfreiheit und Sicherheit der Bewohner*innen zu erhöhen. Im Haslibrunnen, einem Kompetenzzentrum für das Alter in Langenthal, wird mit QUMEA erstmals eine 3D-Radartechnologie im Langzeitsetting eingesetzt. Die Berner Fachhochschule (BFH) begleitet das Projekt mit der Studie «Safety First» und untersucht den Mehrwert dieser Technologie im Pflegealltag. Ursprünglich wurden die QUMEA-Sensoren für den Einsatz in Akutspitälern entwickelt. Das System ist in den Lampen der Zimmer und in den WCs der Bewohnenden installiert und erfasst Bewegungen im Raum in Echtzeit, ohne visuelle Daten aufzuzeichnen, wodurch die Privatsphäre geschützt bleiben soll. Es erkennt Stürze automatisch und registriert, wenn Bewohner*innen das Bett oder einen festgelegten Bereich verlassen. Das Pflegepersonal wird direkt über eine App und die Rufanlage informiert. Inwiefern die Technologie auch helfen kann, Stürze zu vermeiden, muss sich noch zeigen. Dies ist eine Hoffnung von Hansjörg Lüthi, dem Geschäftsführer des Haslibrunnen: «Wir möchten, dass sich unsere Bewohnenden noch lange und so oft wie möglich frei bewegen können und gleichzeitig ihre Sicherheit gewährleistet ist. Mit der QUMEA-Technologie streben wir gezielte Interventionen für mehr Mobilität an und beabsichtigen in der Sturzprävention einen Schritt weiter zu kommen.» Eine weitere Intention sei es, dass sich die Mitarbeiter*innen von der Technologie unterstützt fühlen.
 

Das System ist in den Lampen der Zimmer und in den WCs der Bewohnenden installiert und erfasst Bewegungen im Raum in Echtzeit, ohne visuelle Daten aufzuzeichnen.
Das System ist in den Lampen der Zimmer und in den WCs der Bewohnenden installiert und erfasst Bewegungen im Raum in Echtzeit, ohne visuelle Daten aufzuzeichnen. Bild: Haslibrunnen

Wie Pflegefachpersonen die neue Technologie erleben

Die Pflegefachpersonen im Haslibrunnen sehen in der neuen Technologie viele Vorteile gegenüber der bisher genutzten Klingelmatte. Die Matte konnte umgangen werden, war anfällig für Fehlalarme und erhöhte sogar die Sturzgefahr. Die Möglichkeit, Stürze durch den sofortigen Alarm schneller zu erkennen und entsprechend reagieren zu können, wird von vielen begrüsst. Als weitere Pluspunkte nennen sie die erhöhte Sicherheit für Bewohnende, die Modernisierung und Praktikabilität und das unauffällige Design, da der QUMEA-Sensor quasi unsichtbar ist. 
Doch die Einführung neuer Technologien bringt nicht nur Chancen, sondern auch Herausforderungen mit sich. Eine der grössten Hürden des Systems war die Anpassung an das Langzeitsetting. Fehlalarme durch Besucher*innen – insbesondere Kleinkinder –, Putzkräfte oder sogar Haustiere stellten anfangs ein Problem dar. Zudem musste sich die Technologie an die sehr langsamen Bewegungen der älteren Menschen gewöhnen. In der Anfangsphase empfanden Pflegefachpersonen das System daher als zusätzliche Belastung und es waren viele Feinjustierungen der Sensoren notwendig. 

Handy mit App von Qumea
Das Pflegepersonal wird direkt über eine App und die Rufanlage über verdächtige Vorfälle informiert. Bild: Qumea

Skepsis gegenüber dem «unsichtbaren» Helfer

Neben den technischen Herausforderungen gab es auch Vorbehalte gegenüber der Technologie. Pflegefachpersonen äusserten Bedenken hinsichtlich der Strahlenbelastung und der Funktionssicherheit bei Verbindungsproblemen. Einigen fiel es schwer, einem «unsichtbaren» Gerät zu vertrauen. Auch bei den Bewohner*innen gab es Skepsis. Einige befürchteten, überwacht zu werden – insbesondere im Schlaf oder im Badezimmer. Wieder andere sahen die Kosten kritisch. Angehörige zeigten sich weniger um den Datenschutz besorgt, da QUMEA kein Kamerasystem nutzt, und heben hervor, dass das System nur nützlich ist, wenn die Pflegenden bei einem Alarm auch rechtzeitig reagieren.

Von der Mehrbelastung zum Mehrwert

Die Einführung neuer Technologien in der Pflege ist ein komplexer Prozess, der viele Anpassungen erfordert und anfangs oft eine Mehrbelastung für das Personal bedeutet. Inwiefern mithilfe der Erkenntnisse der QUMEA-Sensoren tatsächlich ein Beitrag zur Mobilitätsförderung und Sturzprävention geleistet werden kann oder das Pflegepersonal langfristig entlastet wird, lässt sich noch nicht abschliessend sagen. Die endgültigen Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie werden Ende 2025 erwartet. Eines ist jedoch klar: Der Erfolg von technologischen Innovationen in der Langzeitpflege hängt stark von der Akzeptanz durch Pflegefachpersonen, Bewohner*innen und Angehörige ab. Nur wenn alle Beteiligten Vertrauen in das System gewinnen, kann es sein volles Potenzial entfalten.
 

Weiteres BFH-Forschungsprojekt zu QUMEA: RAMOS

Weiteres BFH-Forschungsprojekt zu QUMEA: RAMOS

Das Innosuisse-geförderte Projekt RAMOS, welches die BFH zusammen mit ARTORG der Universität Bern und der Firma QUMEA durchführt, untersucht, welche Faktoren die Adoption der Technologie im Akutsetting beeinflussen. Zudem wurde die Mobilitäts-Analyse und das Mobilitäts-Monitoring des QUMEA-Systems durch neue Bewegungs- und Verhaltensparameter (z. B. Laufdistanz, Gangverhalten) erweitert. Mehr zum Forschungsprojekt RAMOS | BFH 
 

Autorinnen:

Dr. Caroline Schneider, wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachbereich Pflege

Nicole Schaffner, Kommunikation Departement Gesundheit

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