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Gezieltes Training für ein stabiles Knie: Neue Studie zur neuromuskulären Steuerung nach Kreuzbandverletzung

31.03.2025 Neuromuskuläre Defizite nach einer Kreuzbandverletzung können die Stabilität und Funktionsfähigkeit des Knies beeinträchtigen. Eine neue Studie der BFH untersucht, ob gezieltes Training diese Defizite nachhaltig verbessern kann.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gezieltes Training soll neuromuskuläre Defizite nach einer Kreuzbandverletzung ausgleichen.
  • Eine Studie der Berner Fachhochschule BFH vergleicht Kontroll- und Interventionsgruppe. Die Erkenntnisse könnten klinische Praxis verbessern.
Knie im Untersuch

Eine gezielte und situationsgerechte Aktivierung der Muskulatur ist essenziell für eine stabile Gelenkfunktion – insbesondere nach einer Verletzung des vorderen Kreuzbandes. Forschende der BFH haben in einer vorangegeganenen Studie noch erhebliche Defizite in der neuromuskulären Steuerung nach abgeschlossener Rehabilitation festgestellt. Diese Defizite können die Funktionsfähigkeit beeinträchtigen und stehen im Verdacht, das Risiko einer erneuten Verletzung zu erhöhen. Mit der neuen Interventionsstudie «Sustainable Knee Health»  untersucht die BFH, ob eine gezielte aktive Trainingstherapie diese Defizite in der neuromuskulären Steuerung ausgleichen kann. 
 

Studienaufbau: Kontrolle versus gezieltes Training

In die Studie werden Teilnehmer*innen aufgenommen, die sich zehn Monate nach einer Kreuzbandverletzung befinden und ihre Rehabilitation abgeschlossen haben. Sie werden zufällig einer Kontroll- oder einer Interventionsgruppe zugeteilt. Die Kontrollgruppe wird  während acht Wochen ihre gewohnte körperliche Aktivität weiterführen. Die Interventionsgruppe erhält ein achtwöchiges Trainingprogramm zur Optimierung des Nerv-Muskel-Zusammenspiels. 

Das Trainingskonzept basiert auf aktuellen Theorien des motorischen Lernens und beinhaltet:

  • Implizites Lernen 
  • Lernen mit externem Fokus
  • hohe Variabilität der Trainingsmittel
  • Veränderungen des visuellen Feedbacks
  • Reaktion auf externe Störreize
  • Kombination motorischer und kognitiver Aufgaben

Durch progressive Belastungssteuerung und die Berücksichtigung individueller Präferenzen wird eine patientenzentrierte Therapie gewährleistet. 

«Die Intervention enthält alle wichtigen Komponenten, deren Wirksamkeit bereits nachgewiesen ist oder aktuell als vielversprechend diskutiert wird.»

  • Prof. Dr. Markus Gruber Universität Konstanz

Qualitätssicherung durch «Fidelity Check»

Bei der Planung der Inhalte der Therapie hat das Studienteam einen speziellen «Fidelity Check» mit einem mehrstufigen Prozess vorgenommen: 

  1. Systematische Literatursuche zur Identifikation evidenzbaisierter Trainingsansätze und-inhalte
  2. Entwicklung eines progressiven Trainingskonzepts
  3. Peer-Review durch Expert*innen aus Wissenschaft und der Praxis
  4. Integration des Feedbacks zur Optimierung der Intervention. 
     

«Der Begutachtungsprozess durch Expert*innen gewährleistet ein hohes Mass an wissenschaftlicher Strenge. Ich freue mich darauf, die Auswirkungen dieser Arbeit sowohl auf die klinische Praxis als auch auf die individuellen Ergebnisse der Teilnehmenden zu sehen.»

  • Prof. Dr. Dustin Grooms Ohio University

Durchführung und Datenerhebung

Die Therapie findet nun in zwei spezialisierten Therapiezentren (Chraftruum und Physio Aemme) in der Region Bern statt. Zur Sicherstellung einheitlicher Standards werden die Therapieteams untereinander vernetzt und das Studienteam führt gemeinsam mit den Therapiezentren ein regelmässiges Monitoring gemäss dem «Fidelity Check» durch. Die Testpersonen besuchen vor und nach der achtwöchigen Therapiedauer das Bern Movement Lab der BFH, um Bewegungsanalysen vorzunehmen.
 

«Ein sehr interessantes und gut strukturiertes Projekt. Ich kann es kaum erwarten, die Entwicklung der Studie und die Ergebnisse weiterzuverfolgen.»

  • Simona Lucarno FC St. Gallen, Sportwissenschaftlerin

Klinische Relevanz und Zukunftsperspektiven

Die Studie liefert wertvolle Erkenntnisse über das Potenzial neuer neuromuskulärer Behandlungsstrategien zu Verbesserung der sensomotorischen Kontrolle. Sollte sich die Hypothese bestätigen, dass gezielte Trainingstherapie neuromuskuläre Defizite nachhaltig verbessern kann, wäre eine direkte Implementierung in die klinische Praxis möglich. Ein nächster Schritt könnte darin bestehen, zu untersuchen, ob eine breit gestreute Anwendung dieser Ansätze langfristig die hohe Rate an Folgeverletzungen senken kann. 
 

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